2016: 600er Alpenluft+

So ein klein wenig nervös bin ich schon auf mein erstes Brevet, zu dem der Veranstalter schreibt, es sei nicht [für] die breite Masse an Athleten sondern nur [für] die Härtesten. Respekteinflössende Orte liegen auf der Route: Alpenrheintal (Regen oder Gegenwind), Rheinschlucht/Versam, Oberalppass, Furkapass, Grimselpass, Brünigpass und Stadtdurchfahrten in Bregenz, Chur, Luzern, Zug, Zürich und Schaffhausen.

Das Wetter spielt verrückt und ich bin sehr dankbar, dass es einen neuen alternativen Starttermin 12h später gibt: Kein Dauerregen und nur eine Nachtfahrt.
Beim Briefing werden folgende wetterbedingte Sperrungen bekanntgegeben (es werden dann noch einige hinzukommen):

  • Rheindamm im Mündungsbereich (Bregenz) („sucht euch euren eigenen Weg“). Wegen Hochwasser.
  • Furkapass („fahrt statt Furka/Grimsel via Sustenpass“). Wegen Neuschnee.

Nach den zwei Unerschrockenen, welche am Vorabend gut gelaunt in den Regen gestartet sind, machen wir uns zu elft auf den Weg. Ich reihe mich am Ende der 5er-Spitzengruppe ein, wo es auf den aufgeweichten Naturbelagstrecken auch eine Schlammpackung in Raten gibt.

Ob der bewölkte Himmel dafür verantwortlich ist, dass der Bodenseeradweg mir ungewohnt leer erscheint? Leider gibt es auf einer nassen Holzbrücke auch einen Sturz (Aufgabegrund).

Den mir als „Nadelöhr“ bekannten Streckenabschnitt bei Bregenz befahre ich nur noch mit P. – die anderen drei haben sich bereits hier für die Hauptstrasse entschieden.
Auf der Rheinbrücke herrscht Verkehrschaos. Ob die vor ein paar Minuten durchgekommene Tour de Suisse oder die Hochwasserschaulustigen schuld daran sind?

Sonne und Südwind prägen die Fahrt durchs Rheintal.

P. verliere ich aus den Augen und werde dafür vor einer geschlossenen Bahnschranke von „den zwei Schnellen“ eingeholt.

Auf der Checkpoint-Autobahnraststätte gibts Kalorien, kitschige „Heidi“-Stimmung und den für die Gesichtswäsche langersehnten Brunnen. Habe bereits jetzt Sonnenbrand.

In Chur ein erster Regenguss.

Bei Reichenau sage ich den zwei Begleitern tschüss und erwarte nicht, sie wiederzusehen. Ich sollte mich irren.

Während des Aufstiegs überholt mich B., welcher für die ersten 200km statt Windschatten kurze Pausenzeiten gewählt hat.

Die Abfahrt nach Ilanz/Glion ist richtig geil: Das Velo bekommt artgerechten Auslauf und unten habe ich B. wieder eingeholt 😉 . Der Gemeinde Trun bin ich für den Trinkwasserbrunnen dankbar und wünsche B. eine gute Weiterfahrt.

In der schönen Gebirgs-Abendstimmung geht es für mich gemächlich bergauf – die letzten Km im ersten Gang… Oben wartet die „Geheim“kontrolle (schwarzer Van im Hintergrund des Beitragsbilds).

Was sich wie ein paar Minuten anfühlt, ist (wie ich später aus der Aufzeichnung entnehme) eine gute halbe Stunde: Pause.
Mit Essen und Heissgetränk im Magen stürze ich mich hinter M., welcher sich zur Aufgabe entschieden hat, in fortschreitender Dunkelheit durch die Grossbaustelle die Schöllenenschlucht hinab.
Im Tunnellicht der Sustenstrasse entledige ich mich einiger Kleiderschichten und werde von P., welcher sich auf dem Oberalp ein richtiges Mahl gegönnt hat, überholt.
Sein Licht sehe ich häufig vor mir. Auch, nachdem der Regen eingesetzt hat und ich wieder mehr Kleider anhabe.
Dank Schneefeldern kann ich häufig den Abstand messen und stelle „konstante 8 Minuten“ fest.
Der Regen wird „unflüssiger“, auf den Leitplanken liegt 1cm Neuschnee und mein Thermometer zeigt oben im vom Wind durchblasenen Tunnel 2°C an. Auf dem Dach der Tour gibt es nicht einmal ein (dunkel-verwackeltes) Foto – zu kalt/nass…
Am Tunnelende wartet tatsächlich P. Ich bin glücklich, die Abfahrt nicht alleine und an zweiter Position bestreiten zu dürfen.
In Innertkirchen hat der Regen aufgehört und wir sind wieder auf der vom Grimsel kommenden Originalroute.

Wie vereinbart, melden wir uns beim umsorgenden Organisator („heil über den Susten“) und erfahren von weiteren Erdrutschen. Bei Kastanienbaum durchkommen OK, bei Gersau nicht: wir sollen tatsächlich 30 km abkürzen.
Doch das ist noch weit weg und im Moment (0300) haben wir andere Sorgen: Sekundenschlaf ereilt uns beide und trotz verkehrsfreier und häufig trockener Strasse ist keine sichere Weiterfahrt möglich.
In Sarnen gibt es Kalorien und trockene Socken/Shirt für mich und ein paar Minuten dösen für P.

Beim Bäcker im Bahnhof Luzern treffen kaum unterschiedlicher mögliche Übernächtigte aufeinander.

Die ersten Sonnenstrahlen treffen die Spitze des Pilatus, als wir dem See entlang aus der schlafenden Stadt rollen…
…und in Küssnacht wegen Erdrutsch direkt statt via Lauerzersee Kurs auf Arth nehmen. So ruhig dürfte die Strasse meinetwegen immer sein.

Mit (nur?) gefühltem Rückenwind rollen wir zwischen Sihl und vernebeltem Sihlwald durch die herrliche Morgenstimmung.

Auf die (fast) perfekte Navigation durch Zürich bin ich ein bisschen stolz.

Entlang der Glatt erwarten uns wieder einige Naturbelagstrecken und Streckensperrungen wegen Hochwasser. Und an der Mündung der Hammer: Die Passage über das Wehr ist ebenfalls gesperrt und der nächste Checkpoint liegt genau auf der anderen Rheinseite – „elegant“ umfahren geht nicht.
Die Anweisung vom Organisator ist klar: Checkpoint via Eglisau anfahren.
Auch wenn der Umweg hier kürzer als die Abkürzung am Vierwaldstättersee ist, schlägt uns das „gleicher Weg zurück“ auf die Stimmung. Noch 50km – Luftline 30. Immerhin mit Sonne und Rückenwind 🙂

Ein paar Hochwasserumleitungen später sind wir am Ziel, nicht ohne auch nochmals kurz zu furten.

Aufzeichnung

Mit hochroter Haut freue ich mich leckere Linsensuppe schlürfend, die Prüfung ohne Zeitdruck (über 11h Reserve!) gemeistert zu haben.
Als wäre all das noch nicht genug, wird während ich dusche mein Velo vom Organisator gewaschen.

Nach 4h Schlaf bin ich in der Lage, die paar Km zum nächsten(!) Bahnhof zu fahren. Dabei verfahre ich mich weiter, als auf der gesamten vorangegangenen Tour…

Von den 2+11 Startern haben es leider nur 1+5 ins Ziel geschafft, erstaunlicherweise dennoch in zwei Zweiergruppen, wobei kein Startteam komplett gefinisht hat.

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